Für Eigenbeförderung und Betreuung (Art. 18. 20 VO; Paragraf 11 EVO): ordnet Norm, Beweislast und Gegenargument; Ergebnis: Schnittstellenkarte mit Zuständigkeits- und Nachweisfragen.
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name: eigenbefoerderung-und-betreuung-art-18
title: Eigenbeförderung und Betreuung (Art. 18, 20 VO; § 11 EVO)
description: 'Für Eigenbeförderung und Betreuung (Art. 18. 20 VO; Paragraf 11 EVO): ordnet Norm, Beweislast und Gegenargument; Ergebnis: Schnittstellenkarte mit Zuständigkeits- und Nachweisfragen.'
author: Klotzkette
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language: de
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# Eigenbeförderung und Betreuung (Art. 18, 20 VO; § 11 EVO)
## Drei Anspruchsgrundlagen
### 1. Eigenbeförderung (Art. 18 Abs. 3 Unterabs. 2 VO 2021/782)
**Tatbestand:**
Wenn dem Fahrgast die verfügbaren Optionen für Weiterreise mit geänderter Streckenführung **nicht binnen 100 Minuten** nach planmäßiger Abfahrtszeit des verspäteten oder ausgefallenen Verkehrsdienstes oder des verpassten Anschlusses **mitgeteilt** werden, ist der Fahrgast berechtigt, Verträge mit anderen Anbietern öffentlicher Verkehrsdienste zu schließen (Eisenbahn, Reisebus, Bus).
**Rechtsfolge:** Das EVU erstattet die **notwendigen, angemessenen und zumutbaren Kosten**.
**Praxisprüfung:**
| Frage | Antwort |
|---|---|
| Wann beginnt die 100-Min-Frist? | mit planmäßiger Abfahrtszeit des betroffenen Verkehrsdienstes |
| Was zählt als "Mitteilung"? | konkrete Alternativ-Verbindung mit Zeit und Route — nicht: "wir melden uns gleich"; nicht: pauschale Verspätungsanzeige in der App |
| Was sind "notwendige, angemessene und zumutbare Kosten"? | Standardklassen-Ticket bei Konkurrenz-Bahn / Fernbus; nur Standard-Hotel; Taxi bei fehlender ÖV-Alternative |
| Worauf zu achten? | Belege aufbewahren; Eingangsbestätigung der App / SMS-Mitteilung der DB sichern, um 100-Min-Verstreichen zu beweisen |
**Was NICHT erstattungsfähig ist:**
- Aufpreis 1. Klasse, wenn DB-Ticket 2. Klasse war.
- Flug, wenn vergleichbare Bahn / Bus möglich war.
- Privat-PKW-Erstattung über üblichen Tagessatz hinaus (Kilometerpauschale max. ähnlich JVEG).
- Verlust verfallener Anschluss-Tickets, wenn diese separat (eigene PNR) gebucht waren.
### 2. Hilfeleistung (Art. 20 VO 2021/782)
**Tatbestand:**
Bei Verspätung von Abfahrt oder Ankunft um **60 Minuten und mehr** bietet das EVU dem Fahrgast kostenlos:
- a) **Mahlzeiten und Erfrischungen** in angemessenem Verhältnis zur Wartezeit, sofern verfügbar oder vernünftigerweise herbeischaffbar;
- b) **Hotel oder andere Unterkunft + Transport zwischen Bahnhof und Unterkunft**, wenn ein Aufenthalt von einer oder mehreren Nächten oder ein zusätzlicher Aufenthalt notwendig wird;
- c) **Transport zwischen Zug und Bahnhof, einem anderen Verkehrsmittel oder dem Zielort**, falls Zug auf der Strecke blockiert ist.
**Wenn DB diese Leistung nicht erbringt:** Der Fahrgast darf selbst kaufen und das EVU erstattet (Schadensersatz aus Vertragsverletzung; argumentativ + § 280 BGB).
**Angemessenheit:**
- Verpflegung: typische Bahnhofs-Preise (Wasser, Brötchen, Heißgetränk). Richtwert 5–25 EUR je Stunde Wartezeit.
- Hotel: Standard-Niveau (3-Sterne), nicht Premium.
- Taxi nur, wenn ÖV nicht verfügbar (Nachtzeit) oder Hotel nicht in ÖV-Reichweite.
### 3. SPNV-Zusatzrecht § 11 EVO
**Tatbestand:** Fahrgast besitzt SPNV-Fahrausweis. Erwartet wird **mindestens 20 Min Verspätung** am Zielort wegen Ausfall oder Unpünktlichkeit.
**Rechtsfolgen:**
| Anspruch | Voraussetzung | Norm |
|---|---|---|
| Fahrt mit anderem **Zug** zum vertragsgemäßen Zielort | ≥ 20 Min prognostiziert | § 11 Abs. 1 Nr. 1 EVO |
| Fahrt mit anderem **Verkehrsmittel** (Taxi, Bus) — Erstattung notwendig + angemessen | a) Ankunft 0–5 Uhr und ≥ 60 Min Verspätung erwartet, ODER b) letzter Zug des Tages | § 11 Abs. 1 Nr. 2 EVO |
| **Höchstbetrag** Ersatzbeförderung | 120 EUR | § 11 Abs. 2 EVO |
**Ausschluss anderer Zug:** Wenn (1) Reservierungspflicht, (2) Sonderfahrt oder (3) erhebliche Störung des Betriebsablaufs zu erwarten (§ 11 Abs. 3 EVO).
## Entscheidungsbaum
```
1. Welcher Verkehr?
├── Fernverkehr → Art. 18 + Art. 20 VO (100-Min-Frist; 60-Min-Hilfeleistung)
└── SPNV → § 11 EVO + Art. 18 + Art. 20 VO (kumulativ)
2. Hat DB Alternativ-Verbindung mitgeteilt?
├── Nein, > 100 Min nach planmäßiger Abfahrt → Eigenbeförderung Art. 18 Abs. 3 Unterabs. 2 VO
├── Ja, aber unzumutbar → vertragliche Klärung; Schaden ggf. nach § 280 BGB
└── Ja, zumutbar → Annahme; bei späterer Erstattung nur Differenz wenn DB-Vorschlag genutzt
3. Hat Fahrgast Verpflegung / Hotel / Transport selbst gekauft?
├── Bei Wartezeit ≥ 60 Min UND DB hat nicht angeboten → Art. 20 VO Erstattung
├── Höhe angemessen? → Belege prüfen
└── Eigene Beweispflicht: was hat DB konkret nicht angeboten?
4. Bei SPNV-Sondersituation (Nachtfahrt, letzte Verbindung)?
├── ≥ 60 Min Ankunft 0–5 Uhr → Taxi/Bus bis 120 EUR (§ 11 Abs. 2 EVO)
└── letzte Verbindung + Zielort nicht mehr bis 24:00 Uhr erreichbar → dito
```
## Belege
Pflicht-Belege:
- **Kassenbeleg / Rechnung** (mit Datum, Position, Preis)
- **DB-Verspätungsbestätigung** (über Servicecenter Fahrgastrechte abrufbar)
- **App-Screenshot** mit DB-Information über erwartete Ankunftszeit
- **Foto Bahnhofs-Anzeigetafel** oder **Foto Zug-Display** bei Stillstand
- **SMS / E-Mail** der DB mit Information / Nicht-Information
- **Zeugen** — Mitreisende
## Argumentation gegen typische DB-Ablehnung
### "Sie hätten die DB-Hotline anrufen sollen, bevor Sie Taxi nehmen"
> **Gegenargument:** Art. 18 Abs. 3 Unterabs. 2 VO 2021/782 knüpft an objektives Verstreichen der 100-Min-Frist ohne Mitteilung an. Es besteht keine Obliegenheit, die DB-Hotline anzurufen. § 11 EVO ist im SPNV unmittelbar anwendbar.
### "Die genutzte Alternativbeförderung war nicht notwendig"
> **Gegenargument:** Maßgeblich ist die ex-ante-Sicht des Fahrgasts. Wenn die DB binnen 100 Min keine konkrete Alternative mitgeteilt hat oder die mitgeteilte Alternative unzumutbar war, war Eigenbeförderung notwendig. Beweislast für Mitteilung: DB.
### "Hotelkosten sind unangemessen"
> **Gegenargument:** Angemessen ist eine Standard-Unterkunft (3-Sterne-Niveau). Beleg über vergleichbare Verfügbarkeit zum Buchungszeitpunkt vorlegen. Bei Buchung über bahn.de eigene Empfehlung der DB einfordern.
### "Verpflegungskosten übersteigen Pauschalsatz"
> **Gegenargument:** VO 2021/782 kennt keinen Pauschalsatz. Art. 20 VO verlangt Angemessenheit im Verhältnis zur Wartezeit. Bahnhofs-Preise sind branchenüblich.
### "Sparpreis schließt Erstattung aus"
> **Gegenargument:** Art. 7 VO 2021/782 — Vertragsbedingungen dürfen Rechte aus der VO nicht einschränken. Erstattung von Auslagen folgt aus Art. 18 / 20 VO, nicht aus Ticket-Tarifart.
## Beispielfall
```
Fall: ICE 503 Berlin–München, geplante Ankunft 13:20.
Während der Fahrt Verspätungs-App-Mitteilung: "Ankunft 16:30 voraussichtlich"
(180 Min Verspätung).
Keine zumutbare Bahn-Alternative von DB angeboten.
100-Min-Frist: ab planmäßiger Abfahrt 08:25 + 100 Min = bis 10:05.
Bis 10:05 keine Alternativ-Verbindung mitgeteilt.
Fahrgast nimmt um 12:00 FlixTrain ab Frankfurt nach München (47 EUR);
erreicht München um 15:00.
Endziel-Verspätung: 100 Min → 25 % Sparpreis 79 EUR = 19,75 EUR Entschädigung.
Eigenbeförderungs-Kosten: 47 EUR FlixTrain. Plus: 18 EUR Verpflegung 4 Stunden Wartezeit.
Gesamtforderung Fahrgastrechte:
Art. 19 Entschädigung: 19,75 EUR
Art. 18 Abs. 3 Eigenbeförderung: 47,00 EUR (FlixTrain-Ticket)
Art. 20 Verpflegung: 18,00 EUR
Summe: 84,75 EUR
```
## Ausgabe
- `eigenbefoerderung-belegmatrix.yaml` mit erfassten Auslagen und Belegen.
- `argumentation.md` mit anwendbaren Normen pro Position.
- Empfehlung Folge-Skill (`forderung-an-db-erste-stufe` oder `fahrgastrechte-widerspruch` bei Ablehnung).
## Leitentscheidungen Eigenbeförderung und Hilfeleistung
> Quellenregel: Entscheidungen nur nach Prüfung einer amtlichen oder frei zugänglichen Quelle mit Gericht, Entscheidungsform, Datum, Aktenzeichen und tragender Aussage ausgeben.