Für Vergaberechtliche Prüfung aus anwaltlicher Sicht: Vollprüfung: ordnet Norm, Beweislast und Gegenargument; Ergebnis: Tatbestands- oder Anspruchsmatrix.
Scanned 9/5/2026
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# Vergaberechtliche Prüfung aus anwaltlicher Sicht: Vollprüfung
## Einsatzlage
Dieser Skill führt einen Volljuristen Schritt für Schritt durch die vollständige vergaberechtliche Prüfung einer konkreten öffentlichen Auftragsvergabe, entweder aus Sicht eines abgewiesenen oder ausgeschlossenen Bieters (Angriffsperspektive: Rüge, Nachprüfung, einstweiliger Rechtsschutz, Schadensersatz) oder aus Sicht des öffentlichen Auftraggebers (Verteidigungsperspektive: Verfahrensführung, Wertung, Vergabeakte, Stand der Prüfung).
Output ist ein anwaltliches Prüfgutachten im Gutachtenstil, das vollständig zitierfähig ist und an dem sich Schriftsätze für die Vergabekammer, sofortige Beschwerden zum Vergabesenat des OLG und Schadensersatzklagen zum Landgericht direkt orientieren lassen.
### Strikte Quellenhygiene
- **Rechtsprechung nur, wenn das Aktenzeichen vom Anwender verifiziert oder aus einer offiziellen Datenbank (BGH, BVerfG, OLG, juris, dejure) belegt ist.** Wenn ein Aktenzeichen nicht verifizierbar ist, wird es explizit als **unverifiziert** markiert und der Prufstand bleibt **offen**.
- **Keine Blindzitate aus BeckRS, IBR, ZfBR, VergabeR-Aufsaetzen, Kommentaren oder Schulungsunterlagen.** Solche Quellen werden nur dann angefuehrt, wenn der Mandant sie selbst beibringt.
- **Norm immer mit Paragraph, Absatz, Satz und Nummer zitieren** (z. B. § 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 GWB), nie nur "§ 160 GWB".
- **Schwellenwerte und Fristen** werden ohne Zahl-Komma-Zahl-Sequenzen angegeben (z. B. "EU-Schwelle Liefer- und Dienstleistungsauftraege oberhalb Bundesbehoerden Stand des Vergabeverfahrens"). Der konkrete Schwellenwert wird stets aus der **aktuell geltenden Schwellenwerteverordnung** uebernommen, nicht aus dem Gedaechtnis.
### Strikter Disclaimer-Hinweis
Dieser Skill begründet kein Mandatsverhältnis, ist keine Rechtsberatung im Einzelfall und ersetzt nicht die anwaltliche Prüfung der Originalunterlagen. Output ist ein Prüfraster, kein Schriftsatz; jede Verwendung in einem realen Mandat erfordert die Verifikation aller Tatsachen, Fristen, Aktenzeichen und Rechtsprechung durch den verantwortlichen Anwalt.
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## Phase 0 — Mandantenrolle, Verfahrensart, Fristampel (Sofort-Check)
Bevor irgendetwas anderes geprueft wird, sind diese sechs Punkte zu klaeren. Jeder dieser Punkte kann das gesamte Mandat innerhalb weniger Stunden auf Fristverlust laufen lassen.
### A. Mandantenrolle
- Bieter (eingereichtes Angebot, Teilnahmeantrag, Interessenbekundung) — Angriffsperspektive.
- Bewerber, der **nicht** zur Angebotsabgabe aufgefordert wurde — Angriffsperspektive ohne Angebot.
- Nicht-Bieter mit subjektivem Recht auf Beteiligung (z. B. uebergangener Marktteilnehmer bei De-facto-Vergabe) — Angriffsperspektive nach § 135 GWB.
- Oeffentlicher Auftraggeber (Bund, Land, Kommune, juristische Person oeffentlichen Rechts, sektorenrelevante AG, beliehene Stelle) — Verteidigungsperspektive.
- Sektorenauftraggeber (Wasser, Verkehr, Energie, Postdienste) — Verteidigungsperspektive mit SektVO-Regime.
- Konzessionsgeber (Bau- oder Dienstleistungskonzession) — KonzVgV-Regime.
**Pflichtfrage:** "Ist der Mandant Bieter, Bewerber, uebergangener Marktteilnehmer oder Auftraggeber? Beleg: Eingangsbestaetigung, EU-Bekanntmachungstext, Aufforderungsschreiben."
### B. Verfahrensart
- Offenes Verfahren (§ 15 VgV) — alle Interessierten koennen Angebot abgeben.
- Nicht offenes Verfahren mit oeffentlichem Teilnahmewettbewerb (§ 16 VgV).
- Verhandlungsverfahren mit Teilnahmewettbewerb (§ 17 VgV).
- Verhandlungsverfahren ohne Teilnahmewettbewerb (§ 17 Abs. 5 VgV — Ausnahme, eng zu pruefen).
- Wettbewerblicher Dialog (§ 18 VgV).
- Innovationspartnerschaft (§ 19 VgV).
- Rahmenvereinbarung (§ 21 VgV).
- Direktauftrag im Unterschwellenbereich (UVgO § 14).
- Beschraenkte Ausschreibung mit oder ohne Teilnahmewettbewerb (UVgO §§ 10, 11).
- Verhandlungsvergabe (UVgO § 12).
- Bauauftrag nach VOB/A (Abschnitt 1 unterhalb, Abschnitt 2 oberhalb Schwelle).
- Konzessionsvergabe (KonzVgV).
- **De-facto-Vergabe**: Auftraggeber hat **ohne** vorherige Bekanntmachung vergeben — wichtigster Anwendungsfall des § 135 GWB.
**Pflichtfrage:** "Welches Verfahren wurde gewaehlt, und welche Norm rechtfertigt die Wahl? Beleg: Vergabevermerk, Bekanntmachung TED-Nr. oder Begruendung des Verzichts auf Bekanntmachung."
### C. Schwellenwert und Anwendungsbereich
- Anwendung von **GWB-Vergaberecht** (4. Teil GWB, VgV, SektVO, KonzVgV, VOB/A 2. Abschnitt) nur **oberhalb** der EU-Schwelle.
- **Unterhalb** der Schwelle: Haushaltsvergaberecht der Laender, UVgO oder VOB/A 1. Abschnitt. Rechtsschutz: kein GWB-Nachpruefungsverfahren, nur Verwaltungsrecht oder Zivilrecht und ggf. Verfassungsbeschwerde nach BVerfG-Rechtsprechung zum Bewerberschutz.
- **Schwellenwerte** sind in der jeweils geltenden Schwellenwerteverordnung festgelegt und werden zweijaehrlich durch EU-Delegierte VO angepasst.
- Pruefung der **Auftragswertschaetzung** nach § 3 VgV (Schaetzung zum Zeitpunkt der Absendung der Bekanntmachung; netto, ohne MwSt; einschliesslich Optionen, Vertragsverlaengerungen, Preisanpassungen).
- **Losweise Vergabe** (§ 97 Abs. 4 GWB, § 5 VgV): Schwellenwert wird durch **Addition der Lose** ermittelt; Bagatell-Lose nach § 3 Abs. 9 VgV (20 Prozent-Grenze) duerfen unterhalb der Schwelle vergeben werden.
**Pflichtfrage:** "Wie wurde der Auftragswert geschaetzt, und ist die Losbildung dokumentiert? Beleg: Vergabevermerk."
### D. Fristen-Sofortcheck (oberste Prioritaet)
Folgende Fristen entscheiden ueber den Erhalt der Antragsbefugnis. Wer sie verpasst, hat im Nachpruefungsverfahren ueberwiegend keine Erfolgsaussicht mehr.
- **§ 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 GWB — Ruege innerhalb einer gesetzlichen Frist von 10 Kalendertagen** ab Kenntnis des behaupteten Vergaberechtsverstosses. Die Frist ist **starr** und **nicht** mit dem dehnbaren "unverzueglich"-Standard des § 121 BGB gleichzusetzen; nach Fristablauf ist der Nachpruefungsantrag praekludiert. "Kenntnis" setzt positive Tatsachen- und Rechtskenntnis voraus; reine Vermutung genuegt nicht (vgl. BGH X ZB 14/06; spaeter bestaetigt und differenziert in zahlreichen OLG-Vergabesenat-Entscheidungen).
- **§ 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 GWB — Ruege erkennbarer Verstoesse in der Bekanntmachung spaetestens bis Ablauf der Angebots- oder Teilnahmefrist.**
- **§ 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 GWB — Ruege erkennbarer Verstoesse in den Vergabeunterlagen spaetestens bis Ablauf der Angebots- oder Teilnahmefrist.**
- **§ 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 GWB — Nachpruefungsantrag innerhalb von 15 Kalendertagen nach Eingang der Nichtabhilfemitteilung.**
- **§ 134 Abs. 1 GWB — Vorabinformationspflicht des Auftraggebers ueber den geplanten Zuschlag.** Stillhaltefrist **15 Kalendertage** ab Absendung der Vorabinformation per Post; **10 Kalendertage** bei elektronischer Uebermittlung (§ 134 Abs. 2 Satz 2 und 3 GWB).
- **§ 135 Abs. 2 GWB — De-facto-Vergabe-Frist**: 30 Kalendertage ab Kenntnis vom Verstoss, **spaetestens 6 Monate nach Vertragsschluss**. Bei einer in EU-Amtsblatt veroeffentlichten Ex-ante-Bekanntmachung greift die kuerzere 30-Tage-Frist ab Veroeffentlichung.
- **§ 171 Abs. 3 GWB — Sofortige Beschwerde gegen Entscheidungen der Vergabekammer**: 2 Wochen ab Zustellung beim zustaendigen Vergabesenat des OLG einlegen und begruenden.
**Pflichtfrage in jedem Mandat:** "Welche dieser Fristen sind angelaufen und welche sind bereits abgelaufen? Beleg: konkretes Datum mit Uhrzeit aus der Vergabeakte oder dem Mandanten-Posteingang."
### E. Zustaendigkeit
- **Bundesauftraggeber** (Bund, bundesunmittelbare juristische Personen oeffentlichen Rechts): Vergabekammer des Bundes beim Bundeskartellamt.
- **Land** (Land, Kommune, kommunaler Zweckverband, Landeshochschule, sonstige Landeskoerperschaft): Vergabekammer des Landes (je nach Bundesland Regierungspraesidium, Bezirksregierung oder eigene Vergabekammer).
- **Sektorenauftraggeber** und **Konzessionsgeber**: gleiche oertliche Zustaendigkeit, getrennt nach Auftraggebertyp.
- **Vergabesenat des OLG** ist sofortiges Beschwerdegericht (§ 171 GWB).
- **Schadensersatzklage** (§§ 181 GWB, 33a, 33f GWB): ordentliche Gerichte, am Sitz des Auftraggebers.
### F. Sofort-Mandantenfrage
"Welche der folgenden 6 Fristen ist im konkreten Fall die naechste, die ablaeuft, mit kalendarischem Datum und Uhrzeit, gemessen ab welchem Ereignis?"
- Ruegefrist § 160 III Nr. 1 GWB
- Ruegefrist § 160 III Nr. 2 oder Nr. 3 GWB
- Stillhaltefrist § 134 GWB
- Nachpruefungsantragsfrist § 160 III Nr. 4 GWB
- Sofortige-Beschwerde-Frist § 171 III GWB
- 6-Monats-Frist § 135 II GWB
Wenn die Antwort fehlt oder unklar ist, wird die Pruefung **abgebrochen** und der Mandant **schriftlich** darauf hingewiesen, dass ohne fristgerechte Klaerung alle weiteren Schritte sinnlos sein koennen.
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## Phase 1 — Anwendungsbereich des Vergaberechts (§ 99 ff. GWB)
### 1.1 Oeffentlicher Auftraggeber (§ 99 GWB) und Sektorenauftraggeber (§ 100 GWB)
**Wichtig:** § 99 GWB enumeriert die **klassischen** oeffentlichen Auftraggeber. **Sektorenauftraggeber** sind dagegen in **§ 100 GWB** separat geregelt und unterliegen dem SektVO-Regime; Konzessionsgeber stehen in **§ 101 GWB**. Diese Trennung in drei Auftraggebertypen ist konsequent zu beachten, sonst zitiert die spaetere Antragsschrift eine **nicht existente Norm** und verfehlt den persoenlichen Anwendungsbereich.
**§ 99 GWB** (oeffentliche Auftraggeber im klassischen Bereich) hat folgende vier Tatbestandsalternativen — jede einzeln pruefen, **niemals nur Nr. 1**:
- **§ 99 Nr. 1 GWB:** Gebietskoerperschaften, Bund, Laender, Gemeinden, deren Sondervermoegen, beliehene Stellen.
- **§ 99 Nr. 2 GWB:** Juristische Person des oeffentlichen oder privaten Rechts, die zu dem **besonderen Zweck** gegruendet wurde, im **Allgemeininteresse** liegende Aufgaben **nichtgewerblicher Art** zu erfuellen, **und** die ueberwiegend von der oeffentlichen Hand finanziert, kontrolliert oder dominiert wird (Funktionalbegriff).
- **§ 99 Nr. 3 GWB:** Verbaende, deren Mitglieder unter Nr. 1 oder Nr. 2 fallen.
- **§ 99 Nr. 4 GWB:** Natuerliche oder juristische Personen, soweit sie Bauauftraege oder Dienstleistungen im Zusammenhang mit Bauauftraegen erbringen, die zu mehr als 50 Prozent durch Auftraggeber nach Nrn. 1 bis 3 subventioniert werden, oberhalb bestimmter Schwellen.
**§ 100 GWB** (Sektorenauftraggeber) erfasst:
- Auftraggeber im Sinne von § 99 Nr. 1 bis 3 GWB, soweit sie eine **Sektorentaetigkeit** (§ 102 GWB: Wasser, Energie, Verkehr, Postdienste) ausueben.
- Unternehmen mit **besonderen oder ausschliesslichen Rechten** (Konzessionen, Versorgungsrechte), die eine Sektorentaetigkeit ausueben.
- Beherrschte Unternehmen, an denen die oeffentliche Hand eine **rechtliche oder tatsaechliche Beherrschungsstellung** innehat und die eine Sektorentaetigkeit ausueben.
Auf Sektorenauftraggeber findet die **SektVO** Anwendung (Phase 13), nicht die VgV.
**§ 101 GWB** (Konzessionsgeber): § 99 Nr. 1 bis 3 GWB-Auftraggeber bei Konzessionsvergabe; Anwendung der **KonzVgV** (Phase 13).
**Praxisfaelle:**
- Tochter-GmbH einer Kommune (z. B. Stadtwerke-Holding, Wohnungsbaugesellschaft, Klinikum gGmbH, Theater gGmbH): regelmaessig § 99 Nr. 2 GWB (vgl. EuGH stRspr. seit C-44/96 "Mannesmann Anlagenbau Austria" und C-360/96 "BFI Holding"; deutsche Rezeption u. a. BGH X ZR 80/14, soweit verifizierbar).
- Reine Beteiligungs-GmbH ohne eigene operative Allgemeininteressen-Aufgabe: oft **kein** Auftraggeber.
- Universitaetskliniken in landesrechtlicher Anstaltsform: regelmaessig § 99 Nr. 1 GWB; in GmbH-Form je nach Beherrschungs- und Finanzierungssituation Nr. 2.
- Kirchen und Religionsgemeinschaften: grundsaetzlich kein Auftraggeber, soweit sie **eigene** Mittel verwenden; bei staatlicher Foerderung von Bauauftraegen ggf. Nr. 4.
### 1.2 Oeffentlicher Auftrag (§ 103 GWB)
- Entgeltlicher Vertrag zwischen Auftraggeber und Unternehmen ueber **Liefer-, Bau- oder Dienstleistungen**.
- Liefer- und Dienstleistungsauftraege sind voneinander zu trennen (§ 103 Abs. 2, 4 GWB); bei gemischten Vertraegen entscheidet der Hauptzweck.
- **Konzessionen** sind keine Auftraege im Sinne von § 103 GWB, sondern Konzessionen im Sinne von § 105 GWB (eigenes Regime KonzVgV).
- **Inhouse-Vergabe** (§ 108 GWB): kein Vergaberecht anzuwenden, wenn drei kumulative Voraussetzungen vorliegen (aehnliche Kontrolle wie ueber eigene Dienststellen, ueberwiegend Taetigkeit fuer den kontrollierenden Auftraggeber, keine direkte private Kapitalbeteiligung; EuGH C-107/98 "Teckal" und Folgerechtsprechung). Bei mehreren oeffentlichen Auftraggebern: gemeinsame Kontrolle (§ 108 Abs. 4–6 GWB).
- **Oeffentlich-oeffentliche Kooperation** (§ 108 Abs. 6 GWB): drei kumulative Voraussetzungen, von einander unabhaengige Kontrolle, gemeinsame oeffentliche Aufgabe, weniger als 20 Prozent Drittumsatz.
### 1.3 Bereichsausnahmen (§§ 107, 116, 117 GWB)
Pruefe folgende Ausnahmekataloge auf Anwendbarkeit (eng auszulegen):
- **§ 107 GWB**: u. a. Sicherheitsdienste der Streitkraefte (mit §§ 145 ff. GWB Sondervergaberecht), Geheimhaltungsbeduerftigkeit, Schiedsgerichtsverfahren, oeffentlich-rechtliche Dienstvertraege ueber bestimmte Sozialleistungen.
- **§ 116 GWB**: Forschungs- und Entwicklungsdienstleistungen ohne Allein-Auftraggeber-Nutzen, audiovisuelle Mediendienstleistungen oeffentlicher Rundfunkanstalten.
- **§ 117 GWB**: Auftraege im Verteidigungs- und Sicherheitsbereich nach VSVgV.
- **§ 118 GWB**: Inhouse-Sondervorschriften fuer Auftraege durch Hersteller fuer eine andere Behoerde im Verteidigungsbereich.
- **§ 119 GWB Wirtschaftliche und finanzielle Verbindungen**: hier nicht einschlaegig.
### 1.4 Subjektive Berechtigung (§ 97 Abs. 6 GWB)
§ 97 Abs. 6 GWB gewaehrt **subjektives Recht** auf Einhaltung der Vergabevorschriften an die **bietergeschuetzten Normen**. **Nicht jeder Vergaberechtsverstoss** verletzt das subjektive Recht; manche Vorschriften (z. B. interne Begruendungspflichten in der Vergabeakte) sind reine Innenpflichten ohne Drittschutz.
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## Phase 2 — Bekanntmachung und Vergabeunterlagen
### 2.1 Bekanntmachung
- **EU-Bekanntmachung im TED** (Tenders Electronic Daily) ueber das **eForms**-Schema (verpflichtend seit 25.10.2023 fuer Oberschwellenvergaben; in DE auch ueber **DVAL — Datenservice oeffentlicher Einkauf**).
- **Nationale Bekanntmachung im Unterschwellenbereich** ueber Bekanntmachungsservice des Bundes (bund.de) und Landesvergabeportale.
- Fehler in der Bekanntmachung sind **erkennbare Vergaberechtsverstoesse** und mussten nach § 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 2 GWB **bis zum Ablauf der Angebots- oder Teilnahmefrist geruegt werden** — wer die Frist verpasst, ist mit der Ruege ausgeschlossen.
**Pruefraster Bekanntmachung:**
- Stimmt das Verfahren (Offen/Nicht offen/Verhandelt) mit der Verfahrensart in der Bekanntmachung ueberein?
- Sind die **Eignungskriterien** § 122 GWB in der Bekanntmachung oder in den Vergabeunterlagen **abschliessend** benannt? Eignungskriterien duerfen **nicht** nachgeschoben werden (EuGH C-336/12 "Manova"; OLG-Vergabesenat-Linie).
- Sind die **Zuschlagskriterien** mit Gewichtung in der Bekanntmachung oder den Vergabeunterlagen offengelegt (§ 127 Abs. 5 GWB)?
- Sind die **Eignungs- und Auswahlkriterien** sauber **getrennt** von den Zuschlagskriterien (Verbot der Doppelverwendung; EuGH C-31/87 "Beentjes" Linie)?
- Wurde die EEE (Einheitliche Europaeische Eigenerklaerung) als Pflichtformat verlangt (§ 50 VgV)?
- Stimmt die Aufteilung in Fachlose und Teillose mit § 97 Abs. 4 GWB ueberein?
- Ist die **Bestbieterzuschlagsregel** (§ 127 GWB iVm § 58 VgV) korrekt formuliert (wirtschaftlichstes Angebot, nicht bloss "guenstigstes")?
### 2.2 Vergabeunterlagen
Die Vergabeunterlagen umfassen mindestens (§§ 29 ff. VgV):
- Aufforderungsschreiben (Angebotsaufforderung).
- Bewerbungsbedingungen.
- Leistungsbeschreibung (§§ 121 GWB, 31 VgV) — produktneutral und diskriminierungsfrei. Verbot der "Konkurrenten-Beschreibung" (Festlegung auf konkretes Fabrikat ist nur bei sachlichem Grund und mit "oder gleichwertig"-Zusatz zulaessig).
- Vertragsentwurf einschliesslich AGB des Auftraggebers (oft VHB, BVB-Klauseln, Allgemeine Vertragsbedingungen ZVB/EVM).
- Eignungs- und Wertungskriterien mit Gewichtung.
- Preisblatt, Leistungsverzeichnis (bei Bauauftraegen GAEB), Preisermittlungsformulare.
**Pruefraster Vergabeunterlagen:**
- Sind die Vergabeunterlagen **vollstaendig**, **widerspruchsfrei** und **eindeutig** (§ 121 Abs. 1 GWB)? Widerspruechliche Vergabeunterlagen koennen zur Verfahrensaufhebung zwingen.
- Wird die **Mindestanforderung** klar von **Wuenschen** abgegrenzt?
- Werden **diskriminierende Anforderungen** an Sitz, Sprache, Zertifikat erkennbar erhoben? Sitz darf nicht gefordert werden; Zertifikate nur unter Gleichwertigkeitsvorbehalt (§ 49 VgV).
- Ist die Bewertungsmethodik der Zuschlagskriterien **transparent und nachvollziehbar** (vgl. BVerfG 1 BvR 1387/16, soweit verifiziert; EuGH-Rsp. zur Transparenz)?
- Sind unterhaltige Mindestloehne, ILO-Kernarbeitsnormen, soziale und oekologische Anforderungen klar geregelt (§§ 128, 129 GWB, § 31 LVergabeG des Landes)?
- Bietet der Auftraggeber **angemessene Fristverlaengerung** bei wesentlichen Aenderungen an (§ 20 VgV)?
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## Phase 3 — Eignung und Eignungspruefung (§ 122 GWB, §§ 42 ff. VgV)
### 3.1 Eignungskategorien
§ 122 Abs. 2 GWB unterscheidet vier Eignungskategorien — **abschliessend**, andere Kategorien sind unzulaessig:
- Befaehigung und Erlaubnis zur Berufsausuebung.
- Wirtschaftliche und finanzielle Leistungsfaehigkeit.
- Technische und berufliche Leistungsfaehigkeit.
- Sonstige Kriterien, soweit ausdruecklich in § 122 GWB benannt.
Geforderte Nachweise muessen **verhaeltnismaessig** sein (§ 122 Abs. 4 GWB iVm § 42 Abs. 1 VgV).
### 3.2 Mindestanforderungen — Umsatz, Bilanz, Referenzen
- **Mindestjahresumsatz** (§ 45 Abs. 4 VgV): maximal das **Zweifache** des geschaetzten Auftragswerts, in begruendeten Ausnahmen mehr.
- **Eigenkapitalquote, Liquiditaet** (§ 45 Abs. 4 VgV): nur, wenn fuer die Auftragsausfuehrung **relevant**, mit klarer Begruendung.
- **Referenzauftraege** (§ 46 Abs. 3 Nr. 1 VgV): aus den letzten drei Jahren bei Lieferungen und Dienstleistungen, bei Bauauftraegen aus den letzten fuenf Jahren (laenger nur, wenn fuer angemessenen Wettbewerb noetig).
- **Personalqualifikation**, **Zertifikate** (§§ 46, 49 VgV): Gleichwertigkeitsklausel zwingend.
### 3.3 Eignungsleihe (§ 47 VgV)
- Eignung kann durch Dritte geliehen werden (Kapazitaeten anderer Unternehmen).
- Bei wirtschaftlicher und finanzieller Eignungsleihe: **gesamtschuldnerische Haftung** kann gefordert werden.
- Bei berufsspezifischen Anforderungen, Berufserfahrung der Schluesselpersonen: Eignungsleihe **nur**, wenn die ausleihende Person die Leistung tatsaechlich erbringt.
### 3.4 Eignungspruefung in der Vergabeakte
Pruefe — und das ist im Mandat **immer Streitgegenstand**:
- Hat der Auftraggeber die **Eignung** des Zuschlagsbieters anhand der **EEE und Belege** sorgfaeltig geprueft (§ 122 GWB, § 50 VgV)?
- Wurden **Verstoesse** im Vergabeverfahren des Zuschlagsbieters dokumentiert?
- Wurde **Nachforderung** ueber § 56 VgV korrekt gehandhabt (siehe Phase 4)?
- Sind die Eignungsnachweise des Zuschlagsbieters **plausibel und vollstaendig**? Fehlt eine Eigenerklaerung zu Ausschlussgruenden nach §§ 123, 124 GWB?
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## Phase 4 — Angebotsoeffnung, Aufklaerung, Nachforderung (§ 56 VgV)
### 4.1 Angebotsoeffnung
- Elektronische Angebotsabgabe ist seit 18.10.2018 (für Bauauftraege seit 18.10.2018) verpflichtend (§ 53 VgV iVm § 41 Abs. 1 Nr. 6 VgV).
- Eingangsbestaetigung (§ 53 Abs. 4 VgV).
- **Formmaengel bei Angebotsabgabe** sind zwingender Ausschlussgrund nach § 57 VgV.
- **Nachgereichte oder verspaetete Angebote**: zwingender Ausschluss (§ 57 Abs. 1 Nr. 1 VgV).
### 4.2 Nachforderung von Unterlagen (§ 56 VgV)
- Auftraggeber **kann** fehlende, unvollstaendige oder fehlerhafte unternehmensbezogene Unterlagen ueber § 56 Abs. 2 VgV nachfordern; **er muss nicht**.
- **Nicht** nachforderbar: das **Angebot selbst** und **leistungsbezogene Unterlagen** (Preise, Preisermittlung, Erklaerungen zur Mindestanforderung), wenn dadurch das Angebot **wettbewerblich verbessert** wuerde (EuGH C-336/12 "Manova"; OLG-Vergabesenat-Linie konsistent).
- **Nachforderung muss diskriminierungsfrei** ausgeuebt werden: bei mehreren Bietern mit gleicher Luecke entweder alle oder keiner.
- Fristsetzung: angemessen, regelmaessig 5 bis 10 Kalendertage.
**Streitige Konstellationen:**
- Fehlende Eigenerklaerung zur Tariftreue: nach § 56 VgV grundsaetzlich nachforderbar; auf landesrechtliche Sonderregeln im LVergabeG des Bundeslandes pruefen.
- Fehlendes Preisermittlungsformular: in der Regel **nicht** nachforderbar.
- Unklare Preise: § 60 VgV (ungewoehnlich niedriges Angebot) statt § 56 VgV.
### 4.3 Pruefraster Aufklaerung
- War die **Aufklaerung** sachlich notwendig (§ 15 EU VOB/A, § 58 Abs. 2 Satz 1 VgV)?
- Wurde der Bieter **nicht** zu einer **Angebotsaenderung** verleitet (Verbot der Angebotsverhandlung im offenen und nicht offenen Verfahren)?
### 4.4 Ungewoehnlich niedrige Angebote (§ 60 VgV, EuGH C-285/99 "Lombardini/Mantovani"-Linie)
- Bei deutlichem Abstand zum naechsten Angebot oder zur Schaetzung **muss** der Auftraggeber Aufklaerung verlangen.
- Aufklaerungsantworten sind zu pruefen: Personalkosten, Material, ungewoehnliche Subunternehmerstruktur, Beihilfe-Verdacht.
- **Kein automatischer Ausschluss** allein wegen Unterpreisigkeit, sondern **Pflicht zur Anhoerung**.
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## Phase 5 — Ausschlussgruende (§§ 123, 124 GWB)
### 5.1 Zwingende Ausschlussgruende (§ 123 GWB)
Pruefe Katalog Nr. 1 bis Nr. 10 systematisch:
- **Geldwaesche**, **Terrorismusfinanzierung**, **Bestechung**, **Bestechlichkeit**, **Subventionsbetrug**, **Steuerhinterziehung**, **Organisierte Kriminalitaet**, **Menschenhandel**, **Vorenthalten von Arbeitsentgelt** (§ 266a StGB), **schwere Verstoesse gegen Arbeits-, Sozial- oder Umweltrecht** (Nr. 10 mit Verweis auf gesetzliche Pflichtverletzungen).
- Voraussetzung: **rechtskraeftige Verurteilung** oder bestandskraeftiger Bussgeldbescheid einer Leitungsperson **innerhalb der letzten 5 Jahre** (Selbstreinigungsmoeglichkeit § 125 GWB beachten).
**Bei Anhaltspunkten**: Auftraggeber muss **eigene Pruefung** durchfuehren; Eigenerklaerung des Bieters ist Ausgangspunkt, nicht Endpunkt.
### 5.2 Fakultative Ausschlussgruende (§ 124 GWB)
Der wichtigste praktische Streitpunkt:
- Nr. 1: Verstoss gegen Umwelt-, Sozial- oder Arbeitsrechtsvorschriften.
- Nr. 2: Insolvenzeroeffnung, Liquidation, Geschaeftstaetigkeitseinstellung.
- Nr. 3: nachweislich schwere Verfehlung, die seine Integritaet in Frage stellt.
- Nr. 4: Wettbewerbsverzerrende Absprachen (Kartellrecht, § 1 GWB).
- Nr. 5: Interessenkonflikt, der durch andere Mittel nicht behoben werden kann.
- Nr. 6: Wettbewerbsverzerrung aus vorheriger Beteiligung an der Vorbereitung des Verfahrens.
- Nr. 7: **erhebliche oder fortdauernde Maengel** bei der Erfuellung einer Vorgaengerleistung des oeffentlichen Auftraggebers, die zu vorzeitiger Beendigung, Schadenersatz oder vergleichbarer Rechtsfolge gefuehrt haben.
- Nr. 8: Vorlage falscher Erklaerungen, Verschleierung erheblicher Informationen.
- Nr. 9: Versuch der unzulaessigen Beeinflussung des Auftraggebers, Erlangung vertraulicher Informationen oder Fehlinformation.
**Anwendungsregel:** Fakultative Ausschluesse sind eine **Ermessensentscheidung** des Auftraggebers. Sie sind **begruendungspflichtig** und unterliegen vollumfaenglich der vergabekammergerichtlichen Kontrolle (Ermessensueberpruefung).
### 5.3 Selbstreinigung (§ 125 GWB)
- Der Bieter kann zwingenden oder fakultativen Ausschluss **abwenden** durch:
- Schadenersatz oder Schadenswiedergutmachung.
- Aktive Mitwirkung an der Aufklaerung (z. B. mit Behoerden).
- Konkrete personelle, organisatorische und technische Massnahmen, die ein erneutes Fehlverhalten verhindern.
- Der Auftraggeber **prueft** die Selbstreinigung im Ermessenswege; bei rechtskraeftigem Ausschluss durch ein deutsches Gericht ist die Selbstreinigung weiterhin moeglich.
- **Wettbewerbsregister** (§ 6 WRegG): Auftraggeber **muss** ab geschaetzter Auftragswert oberhalb des relevanten Schwellenwertes Abfrage im Wettbewerbsregister beim Bundeskartellamt durchfuehren.
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## Phase 6 — Wertungsentscheidung und Zuschlagskriterien (§ 127 GWB, § 58 VgV)
### 6.1 Wirtschaftlichstes Angebot
- **Maßstab: wirtschaftlichstes Angebot** (§ 127 Abs. 1 GWB, § 58 VgV). "Wirtschaftlichkeit" bezieht sich auf das **beste Preis-Leistungs-Verhaeltnis**, nicht nur auf den niedrigsten Preis. Reine Preisvergabe ist zulaessig, wenn die Qualitaet vorab durch Mindestanforderungen und Eignung **vollstaendig** standardisiert wurde.
- **Kein nachtraegliches Hinzufuegen** von Wertungskriterien oder Aenderung der Gewichtung (EuGH C-31/87 "Beentjes" und Folgerspr.).
- **Kein Mischen** von Eignung und Zuschlag (zwei-Stufen-Prinzip).
### 6.2 Wertungsmodelle
- **Einfache Punktwertung** mit klaren Bewertungsmaßstaeben.
- **UfAB-Modell** (Unterlagen fuer die Ausschreibung und Bewertung) — eingefuehrt vom Bundesministerium des Innern fuer IT-Vergaben, in Praxis weit verbreitet.
- **Eigenwirtschaftliche Modelle** mit Bonus-Malus-Systemen.
- **Lebenszykluskosten-Modell** (§ 59 VgV): Beruecksichtigung von Anschaffungs-, Nutzungs-, Wartungs-, Entsorgungskosten.
**Pruefraster Wertung:**
- Sind die Wertungspunkte **transparent dokumentiert**?
- Wird die **Bewertungsbegruendung** in der Vergabeakte konkret und nachvollziehbar?
- Werden **subjektive Bewertungselemente** durch zwei unabhaengige Wertende verifiziert?
- Sind **Konzepte** und **Praesentationen** sachlich anhand vorab veroeffentlichter Kriterien bewertet (kein Goodwill-Bonus, kein verstecktes Negativkriterium)?
### 6.3 Diskriminierung in der Wertung
Praxistypische Verstoesse:
- Bevorzugung eines Bestandsanbieters durch ueberraschend hohe Gewichtung von **Erfahrungen mit dem Auftraggeber**.
- "Heimatschutz": Standortvorgabe oder Sprachvoraussetzungen ueber das Erforderliche hinaus.
- **Bewertung der EEE**-Inhalte statt der Angebotsinhalte.
- Bewertung der **Eignungsmerkmale** als Zuschlagskriterium (Verbot der Doppelverwendung).
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## Phase 7 — Vorabinformation (§ 134 GWB) und Stillhaltefrist
### 7.1 Pflicht des Auftraggebers
- **Schriftliche** Mitteilung an alle Bieter, deren Angebot **nicht** beruecksichtigt werden soll, **vor** Zuschlag:
- Name des Zuschlagsbieters.
- Gruende des Ausschlusses bzw. der Nichtberuecksichtigung.
- Stillhaltefrist (siehe Phase 0 D).
- **Inhalt** muss so substantiiert sein, dass eine **fundierte Ruege und ein Nachpruefungsantrag** moeglich werden. Reine Floskeln wie "Ihr Angebot war nicht das wirtschaftlichste" reichen **nicht** (vgl. OLG Duesseldorf VII-Verg-Linie, EuGH-Transparenzgebot).
### 7.2 Stillhaltefrist (§ 134 Abs. 2 GWB)
- **15 Kalendertage** ab Absendung der Vorabinformation per Post.
- **10 Kalendertage** bei elektronischer Uebermittlung (E-Mail, eVergabe-Plattform).
- Zuschlag vor Ablauf der Stillhaltefrist ist **schwebend unwirksam** und kann bei rechtzeitig eingelegtem Nachpruefungsantrag **endgueltig nichtig** werden (§ 135 Abs. 1 Nr. 1 GWB).
### 7.3 Pruefraster Vorabinformation
- Wurde die Vorabinformation **schriftlich** und **rechtzeitig** versandt?
- Enthaelt sie die zwingenden Mindestangaben (§ 134 Abs. 1 GWB)?
- Ist die Begruendung **substantiiert**?
- Wurde die Stillhaltefrist **kalendertaggenau** dokumentiert?
- Wurde der **Zuschlag** vor Ablauf der Stillhaltefrist erteilt? Wenn ja: **Zuschlag unwirksam** nach § 135 GWB.
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## Phase 8 — Ruege (§ 160 Abs. 3 GWB)
### 8.1 Ruegeobliegenheit als Zulaessigkeitsvoraussetzung
§ 160 Abs. 3 Satz 1 GWB legt vier alternative Ruegeobliegenheiten als **Zulaessigkeitsvoraussetzungen** des Nachpruefungsantrags fest:
1. **Nr. 1**: Vergaberechtsverstoss, der dem Bieter **bekannt** geworden ist — Ruege **innerhalb einer Frist von zehn Kalendertagen** ab Kenntnis (gesetzliche Frist, nicht der frueher gebraeuchliche dehnbare Begriff "unverzueglich"; aktuelle Fassung seit den GWB-Aenderungen durch das Vergaberechtsmodernisierungsgesetz und Folgegesetze).
2. **Nr. 2**: in der Bekanntmachung **erkennbarer** Verstoss — spaetestens bis Ablauf der Angebots- oder Teilnahmefrist.
3. **Nr. 3**: in den Vergabeunterlagen **erkennbarer** Verstoss — spaetestens bis Ablauf der Angebots- oder Teilnahmefrist.
4. **Nr. 4**: Nichtabhilfemitteilung des Auftraggebers — Nachpruefungsantrag innerhalb von **15 Kalendertagen**.
### 8.2 Konkretisierung "innerhalb von zehn Kalendertagen"
§ 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 GWB legt eine **starre gesetzliche Frist von zehn Kalendertagen** fest. Das ist **keine** dehnbare Vernunftfrist im Sinne des frueheren "unverzueglich"-Standards (§ 121 BGB) und **kein** Ermessensspielraum des Bieters. Nach Fristablauf ist der Nachpruefungsantrag wegen der versaeumten Ruege **praekludiert**, auch wenn die Verzoegerung sachlich nachvollziehbar war (Komplexitaet der Rechtsfrage, notwendige anwaltliche Vorpruefung, Akteneinsichtsbeduerfnis aendern an der Praeklusion **nichts**).
Folgen fuer die Mandatsfuehrung:
- Bei Fristdruck ist **lieber unvollstaendig und fristwahrend** zu ruegen als verspaetet vollstaendig.
- Die Ruege kann **nachgeschaerft** werden, wenn nach Akteneinsicht weitere Verstoesse erkennbar werden — diese **neuen** Verstoesse loesen jedoch jeweils eigene Zehn-Tages-Fristen aus.
- Bei mehreren parallelen Verstoessen empfiehlt sich eine **Sammelruege** mit ausdruecklichem Hinweis auf den Vorbehalt weiterer Ruegen nach Akteneinsicht.
- Im Schadensersatzmandat nach Phase 15 kann der Anspruch auch dann bestehen, wenn die Nachpruefungs-Ruegefrist verstrichen ist — die Praeklusion betrifft den Primaerrechtsschutz, nicht den Sekundaerrechtsschutz.
**Achtung:** Die Frist beginnt mit **positiver Kenntnis** der Tatsachen **und** der rechtlichen Bewertung als Vergaberechtsverstoss. Eine "Ahnung" loest die Frist **nicht** aus (BGH-Linie verifizierbar). Bei Akteneinsicht im laufenden Verfahren beginnt fuer **neu** erkennbare Verstoesse jeweils eine eigene Zehn-Tages-Frist.
### 8.3 Form und Inhalt der Ruege
- **Form**: keine spezifische Form vorgeschrieben, aus Beweisgruenden zwingend **schriftlich** mit Empfangsbestaetigung; in der Praxis E-Mail mit Lesebestaetigung oder eVergabe-Plattform-Nachricht.
- **Adressat**: Auftraggeber.
- **Inhalt**: konkrete Beschreibung des geruegten Verstosses, Norm, geforderte Abhilfe. Reine Allgemeinplaetze wie "Das Verfahren ist nicht transparent" sind **unzureichend**.
### 8.4 Pruefraster Ruege
- Wurde **fristgerecht** geruegt?
- Wurde die Ruege **konkret und nachweisbar** zugestellt?
- Hat der Auftraggeber **Abhilfe** geleistet oder die Abhilfe schriftlich **abgelehnt** (Nichtabhilfemitteilung)?
- Lauft jetzt die **15-Tage-Frist** des § 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 GWB ab welchem Datum?
- Wurden alle bekannten Verstoesse **kumulativ** geruegt? **Eine zu spaete Nachreichung weiterer Ruegen ist im Nachpruefungsantrag praekludiert.**
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## Phase 9 — Nachpruefungsverfahren (§§ 155 ff. GWB)
### 9.1 Eroeffnung und Antragsschrift
- Antrag an die zustaendige **Vergabekammer**.
- **Antragsfrist**: 15 Kalendertage nach Eingang der Nichtabhilfemitteilung (§ 160 Abs. 3 Satz 1 Nr. 4 GWB).
- **Antragsbefugnis** (§ 160 Abs. 2 GWB): Interesse am Auftrag, Verletzung in eigenen Rechten nach § 97 Abs. 6 GWB, kausal moeglich gewordener Schaden.
- **Bestimmtheit** des Antrags und der Begruendung: Schluessigkeitsanforderungen mittel.
### 9.2 Suspensiveffekt (§ 169 Abs. 1 GWB)
- Mit Zustellung des Nachpruefungsantrags an den Auftraggeber tritt der **automatische Zuschlagsstopp** ein.
- Auftraggeber **darf nicht** zuschlagen, bis die Vergabekammer entscheidet oder den Suspensiveffekt aufhebt (§ 169 Abs. 2 GWB Eilantrag des Auftraggebers — strenge Voraussetzungen).
- **Anti-Suspensive-Antrag** des Auftraggebers nach § 169 Abs. 2 GWB ist in der Praxis selten erfolgreich; muss substantiieren, dass die Versagung des Zuschlagsstopps **ueberragend wichtigen Gemeinwohlbelangen** dient.
### 9.3 Aktenakteneinsicht (§ 165 GWB)
- Antragsteller hat Anspruch auf Akteneinsicht.
- **Geheimhaltungsantrag** des Auftraggebers oder eines Beigeladenen kann zur **teilweisen Schwaerzung** fuehren (Geschaeftsgeheimnis, § 165 Abs. 2 GWB iVm GeschGehG).
- **Strategie**: Akteneinsicht **fruehzeitig** beantragen, im Antrag konkret bezeichnen, was eingesehen werden soll.
### 9.4 Beigeladene Stellung des Zuschlagsbieters
- Der **vorgesehene Zuschlagsbieter** ist regelmaessig **notwendig beigeladen** (§ 162 GWB).
- Er hat **eigene Rechte**: Akteneinsicht, Stellungnahme, ggf. Antrag auf Geheimhaltung.
### 9.5 Muendliche Verhandlung und Entscheidung
- Vergabekammer entscheidet in der Regel **muendlich** mit anschliessender schriftlicher Begruendung.
- **Entscheidungsoptionen** (§ 168 GWB):
- Aufhebung der Wertungsentscheidung.
- Anordnung der Wiederholung des Verfahrens ab bestimmtem Stand.
- Anordnung bestimmter Massnahmen (z. B. erneute Eignungspruefung).
- Feststellung der **Unwirksamkeit** des Zuschlags (§ 135 GWB).
- Verwerfung als unzulaessig oder Zurueckweisung als unbegruendet.
### 9.6 Frist fuer Entscheidung (§ 167 GWB)
- **5-Wochen-Regel**: Entscheidung soll binnen fuenf Wochen ab Eingang des Antrags ergehen.
- Verlaengerung **um angemessene Zeit** durch Vorsitzenden moeglich; in komplexen Verfahren auch mehrere Wochen ueberschreiten.
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## Phase 10 bis 24 — Vertiefung gezielt laden
Öffne die [Vertiefungsphasen 10 bis 24](references/phasen-10-bis-24.md) nur, wenn der Auftrag Rechtsmittel, De-facto-Vergabe, Vertragsanpassung, besondere Vergabearten, Schadensersatz, Akteneinsicht, Schriftsatzbausteine oder die erweiterte Prüfmatrix verlangt.
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